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Ehemalige Heimkinder – Stadt legt Dokumentation vor

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"Heimerziehung in der Landeshauptstadt Hannover in den 50er und 60er Jahren" ist der Titel der Dokumentation, die Jugend- und Sozialdezernent Thomas Walter heute (25. Mai) vorgestellt hat. Sie wurde erstellt von Professorin Dr. Carola Kuhlmann, EFH Bochum, die unter anderem das vom Rat der Stadt im Juni 2009 beschlossene Maßnahmepaket wissenschaftlich ausgewertet hat, ergänzt durch eigene Aktenrecherchen und Interviews mit Betroffenen.

Das Schicksal von Kindern und Jugendlichen, die vor rund 50 Jahren auch in den ehemals fünf städtischen Heimen aufgewachsen sind, war wie überall lange weitgehend unbekannt und unbeachtet. "Als früherer Träger der Einrichtungen haben wir uns an der Aufarbeitung beteiligt, indem wir Betroffenen Informationen per Internet, AnsprechpartnerInnen an einer Telefonhotline sowie die Möglichkeit der Akteneinsicht zur Verfügung gestellt haben. Aus den Auswertungen von Professorin Dr. Kuhlmann ist die seinerzeit vollständig andere Form der Heimerziehung deutlich geworden. Auch wenn sich weder aus Betroffenenaussagen noch aus der Untersuchung heraus eklatante Einzelfälle ergeben haben, bleibt festzustellen, dass damals auch in kommunaler Trägerschaft keine personenzentrierte Heimerziehung praktiziert wurde. Hieraus sind sicherlich auch emotionales Leid und individuelle Beeinträchtigungen entstanden, für die man sich aus heutiger Sicht nur entschuldigen kann", so Thomas Walter.

"Einerseits tragen Kommunen Verantwortung als Träger eigener Einrichtungen. Andererseits aber auch als diejenigen, die Heimerziehung zu begründen und zu veranlassen hatten – und zwar im Bereich der Minderjährigenfürsorge sowie in Bezug auf die Befürwortung einer freiwilligen oder unfreiwilligen Fürsorgeerziehung", erläutert Professorin Kuhlmann und stellt fest: "Anhand der erhaltenen Akten im Fachbereich Jugend und Familie ist zwar nicht auszuschließen, dass Kinder auch aus nichtigen Gründen ins Heim kamen. Mehrheitlich wurde aber mit Blick auf die häuslichen Verhältnisse verantwortungsvoll und nach Kriterien entschieden, die auch heute noch relevant wären und als 'Vernachlässigung' beschrieben würden."

Aufbau der Dokumentation

Kapitel 1: Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren
Etwa 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche lebten in der Zeit von 1949 bis 1975 in Heimen in der Bundesrepublik Deutschland. Die zirka 3.000 Heime befanden sich überwiegend in kirchlicher Trägerschaft (65 Prozent). Ein weiterer Teil wurde von öffentlicher Hand (25 Prozent) sowie von anderen freien Trägern und Privatpersonen (10 Prozent) unterhalten.
Verantwortlich für Einweisung und Unterbringung waren Jugendämter und Landesjugendämter.

Kapitel 2: Wege ins Heim
Wenn Kinder in ein Heim kamen, waren die Kommunen, insbesondere die Jugendämter der Städte, an diesem Prozess immer beteiligt. Insofern liegt die Verantwortung der Stadt Hannover, neben ihrer Trägerschaft für eigene Heime, auch auf der Ebene der Ursachen und Begründung von Heimerziehung – und zwar sowohl im Bereich der Minderjährigenfürsorge (Paragraph 5 und 6 Jugendwohlfahrtsgesetz JWG) als auch in Bezug auf die Befürwortung einer freiwilligen oder unfreiwilligen Fürsorgeerziehung (FE/FEH).

  • Gesetzliche Grundlagen für die Heimerziehung waren in den 50er und 60er Jahren das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG), später das Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG).
  • In der Verantwortung des Jugendamtes lagen die Erziehungshilfen nach den Paragrafen 5 und 6 JWG, die sogenannte einfache Heimerziehung. Die Landeshauptstadt Hannover hat vier eigene Heime betrieben. 
  • Freiwillige Erziehungshilfe (FEH) konnten die Erziehungsberechtigten bei "drohender Verwahrlosung" über das örtliche Jugendamt beim Landesjugendamt beantragen. Fürsorgeerziehung (FE) setzte keine Freiwilligkeit voraus, sie wurde bei "drohender oder bereits eingetretener" Verwahrlosung durch ein Vormundschaftsgericht angeordnet. Bekannte FEH/FE-Einrichtungen in Hannover waren das Stephansstift und der Birkenhof.

Kapitel 3: Fallgeschichten
Professorin Dr. Kuhlmann hat insgesamt 40 Akten ausgewertet und exemplarisch in der Broschüre einige dieser Fälle dargestellt.

Kapitel 4: Heime der Stadt Hannover

Kinderheim Nordstern
Ab 1922 Säuglings- und Kleinkinderheim. 1954 hatte das Kinderheim Nordstern 150 Plätze für Kinder von null bis eindreiviertel Jahren. 1994 wurde das Heim geschlossen.

Kinderheim Mecklenheide
150 Plätzen für Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis 14 Jahren. Heimeigene Schule für Volks- und Sonderschüler. 1965 wurde das Heim geschlossen.
Kinderheim Lohnde
1948 eröffnet, Heim zur Unterbringung von elternlosen, milieugeschädigten und erziehungsbedürftigen Kindern, 90 Plätze für Jungen und Mädchen von eindreiviertel bis sechs Jahren. 1969 wurde das Heim geschlossen.

Kinderheim Isernhagen
1928 wurde das Anwesen von der Landeshauptstadt Hannover erworben, seit den 40er Jahren Unterbringung von Kindern, 1954 gab es 75 Plätze für Jungen und Mädchen im Alter von drei bis sechs Jahren. 1979 wurde das Heim geschlossen.

Kinderheim Rohdenhof
1965 wurde das städtische Kinderheim Rohdenhof eröffnet als Ersatz für das Kinderheim Mecklenheide. 108 Plätze für Kinder und Jugendliche, die in alters- und geschlechtsgemischten Gruppen betreut wurden.

Kapitel 5: Hotline (Zusammenfassung):

  • Insgesamt meldeten sich 77 AnruferInnen. Diese Zahl kann bei einer ausschließlich lokal beworbenen Hotline als zufriedenstellend betrachtet werden.

  • Aus Hannover meldeten sich 44 Personen, von außerhalb gab es 32 Meldungen.
  • Frauen und Männer haben sich annähernd gleich oft gemeldet.
  • Die Altersspanne reichte von 23 bis 86 Jahren. 
  • Es gab 13 Betroffene, die in "städtischen Einrichtungen" lebten.
  • Von schlechten und demütigenden Erfahrungen in städtischen Heimen wurde, bis auf das Kinderheim "Mecklenheide", nicht berichtet.
  • Von "sexueller Gewalt" wurde in elf Beratungen gesprochen, die sich allesamt nicht in städtischen Einrichtungen ereigneten.
  • Angaben über positive Erfahrungen in städtischen Heimen (6 von 13) wurden, im Verhältnis zu den Erfahrungen in anderen Heimen (2 von 69), proportional häufiger gemacht.
  • Das Hauptanliegen der ehemaligen Heimkinder war der Wunsch, sich zu öffnen, über Erlebnisse und Geschehnisse während ihrer Heimzeit zu reden und sich beraten zu lassen. Ebenso der Wunsch nach Akteneinsicht.

Kapitel 6: Unehelich geboren – im städtischen Säuglingsheim aufgewachsen

Die Stadt Hannover betreute und versorgte in ihren Heimen besonders viele Säuglinge. Im Säuglings- und Kleinkinderheim "Nordstern" waren davon etwa 75 Prozent unehelich geboren. Die Kleinen konnten dort bereits ab dem vierten Tag nach der Geburt Aufnahme finden.

  • Uneheliche Kinder waren in der Regel auch unerwünschte Kinder. Die Eltern reagierten auf die Schwangerschaft der unverheirateten Tochter in der Regel mit Ablehnung. 
  • Schwangerschaftsabbrüche waren illegal und strafbar. 
  • Bis 1970 wurde für jedes uneheliche Kind eine Amtsvormundschaft eingerichtet
  • Ende 1966 hat das Jugendamt 5.479 Amtsvormundschaften.
  • Im Kinderheim Nordstern wurden die Kleinkinder körperlich und hygienisch gut versorgt, emotional jedoch unzureichend beachtet und gefördert.

Kapitel 7: Die Stadt Hannover und ihre Verantwortung für die Heimerziehung der 50er und 60er Jahre  Forschungsauftrag und -umsetzung in Hannover

Aktivitäten, die seit dem Ratsbeschluss erfolgt sind:

  • Hotline
  • Recherchen in Archiven
  • Interviews mit ehemaligen Kindern, Jugendlichen und MitarbeiterInnen aus Heimen.

Auf dieser Grundlage kann man nun zu einem Urteil darüber kommen, dass die kommunalen Jugendämter und damit die Städte (so auch Hannover) und Kreise für die Heimerziehung der 50er/60er Jahre Verantwortung tragen.
In Hannover liegt diese auf drei Ebenen:

1. Im Bereich der Familienfürsorge wurden Gutachten über häusliche Verhältnisse von Kindern und Jugendlichen erstellt, die mit darüber entschieden, ob Kinder ins Heim kamen oder nicht.

2. Im Bereich der Erziehungsfürsorge und der Amtsvormundschaft wurde – meist ohne eigene Kenntnis der Familiensituation – die Entscheidung über die Unterbringung sowie über Verlegung, Überweisung in die Fürsorgeerziehung oder Rückführung in die Herkunftsfamilie getroffen.

3. In den städtischen Säuglings- und Kinderheimen wurden Kinder bis zum Schulabschluss von städtischen Angestellten betreut.

Fazit zu 1. und 2.
Da die verbliebenen Akten im Fachbereich Jugend und Familie nur eine willkürliche Auswahl darstellen, kann nicht abschließend beurteilt werden, ob und in welchem Prozentsatz Kinder aus nichtigen Gründen ins Heim kamen. Die Akten legen aber nahe, dass in Bezug auf die häuslichen Verhältnisse – mit Ausnahme der Unehelichen – mehrheitlich Kinder aus Gründen ins Heim kamen, die auch heute noch relevant sind und die heute als "Vernachlässigung" beschrieben würden.

Fazit zu 3.
In den Kinderheimen sind die Kinder nach den damaligen Ansprüchen offenbar angemessen versorgt und beaufsichtigt worden, allerdings oftmals mangelhaft emotional betreut und manchmal ungenügend schulisch gefördert. Schwerwiegende Übergriffe scheint es nicht gegeben zu haben, allerdings durchaus – von heute aus betrachtet -zu verurteilende Strafpraxen wie Strafstehen und Strafen für Bettnässer. Über Schläge, sogar  Schläge mit einem Rohrstock, wird lediglich aus Mecklenheide berichtet.

Kapitel 8: Hannoversche Heimerziehung im Wandel
Die städtischen Kinderheime wurden aufgelöst. Dafür wurden pädagogisch betreute Wohngruppen gegründet, die Teil des Heimverbundes sind. Neben den stationären Hilfen bietet der Heimverbund auch ambulante und teilstationäre Hilfen an.

Kapitel 9: Hilfen heute
Aus totalen Institutionen der Erziehungshilfe ist ein sehr weit gefächertes Hilfesystem entstanden, das eine Vielzahl von differenzierten Angeboten für Kinder, Jugendliche und deren Familien bietet.

In diesem Kapitel stellt der Kommunales Sozialdienst (KSD) dar, wie Familien und ihre Kinder heute unterstützt werden.

Kapitel 10: Beiträge hannoverscher Jugendhilfeträger
Textbeiträge von folgenden Einrichtungen:

  • Stephansstift Evangelische Jugendhilfe gemeinnützige GmbH
  • Bethel im Norden – Birkenhof Jugendhilfe
  • St. Joseph Kinder- und Jugendhilfe
  • Pestalozzi Stiftung

Die Broschüre kann im Internet unter www.heimkinder-hannover.de, Stichwort Heimkinder, heruntergeladen werden.

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