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Drei Jahre Paragraf 8a SGB XIII: Kinderschutz hat in Hannover oberste Priorität

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Walter: Kooperation ist geboten

"Der Schutz von Kindern hat in der Stadt Hannover seit jeher und in Zukunft oberste Priorität:" Dieses gemeinsame Fazit ziehen Jugend- und Sozialdezernent Thomas Walter, Personalmanager Harald Härke und die stellvertretende Vorsitzende des Gesamtpersonalrats Karin Gödecke drei Jahre, nachdem im Jahr 2005 mit der Umsetzung des Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzes (KICK) auch der Paragraf 8a in Kraft getreten ist. Mit ihm wurde der Kinderschutz noch einmal ausdrücklich verstärkt.

Dezernent Walter betont: "Wir haben viele Anstrengungen unternommen, um eine engere Zusammenarbeit mit allen Beteiligten zu erreichen; denn neben dem Schutzauftrag der öffentlichen Jugendhilfe kommt der Vernetzung zwischen Kindertagesstätte, Schule, Medizin, Polizei und Jugendhilfe eine hohe Bedeutung zu. Fälle in der Vergangenheit haben gezeigt, wie unter-schiedlich Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung wahrgenommen werden. Eine verbindliche Kooperationen und einheitliche Verfahrensregelungen sind dringend geboten."

"Die gültigen Verfahrensabläufe innerhalb des Kommunalen Sozialdienstes müssen regelmäßig überprüft und auf ihre Wirksamkeit hin betrachtet werden. Dies gilt auch für die Personalausstattung des Dienstes", fordert Personalrätin Gödecke.

Personalmanager Härke unterstreicht: "In diesem Zusammenhang wurden auch die jeweiligen Abschlussberichte anderer Städte ausgewertet, in denen Kinder zu Tode gekommen sind, um eine entsprechende Überprüfung der Standards in der LHH vorzunehmen."

Er kündigt an, dass die 133 Stellen in der Bezirkssozialarbeit kurzfristig um vier Springerstellen ergänzt werden sollen, um auf Vakanzen in den KSD-Dienststellen kurzfristig reagieren zu können. Weiter soll eine Organisationsuntersuchung zur Personalbedarfsbemessung sowie den Strukturen und Arbeitsabläufen durchgeführt werden.

Auch wenn ein direkter Vergleich erfahrungsgemäß aufgrund der unterschiedlichen Aufgabenzuschnitte bei den jeweiligen Allgemeinen Sozialen Diensten schwierig ist, soll darüber hinaus ein interkommunaler Vergleich vorgenommen werden: Härke zufolge ist es hilfreich festzustellen, welche Konsequenzen Kommunen aufgrund der aktuellen öffentlichen Diskussion zur Umsetzung des Paragrafen 8a SGB VIII zum Schutz des Kindeswohls für ihre Personalausstattung gezogen haben

Hannover jedenfalls hat mit zahlreichen Maßnahmen und Initiativen den Kinderschutz in den vergangenen Jahren noch einmal optimiert. "Alles dient dazu, Gefährdungen für Kinder und Jugendliche soweit wie möglich zu minimieren", erläutert Dezernent Walter. Aber: "Ausschließen lassen sie sich nie."

Neu beim Kinderschutz

  • Die Stadt hat frühzeitig entsprechende Empfehlungen des Deutschen Städtetages zum Schutzauftrag in die Arbeitshilfen des Kommunalen Sozialdienstes (KSD) eingearbeitet, so dass der neue Paragraf 8a SGB VIII zum Zeitpunkt seines Inkrafttretens inhaltlich bereits weitgehend integriert war.
  • Mit der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege wurde eine Rahmenvereinbarung abgeschlossen, die Aussagen zum Schutzauftrag und zur Erstellung der Dokumentation bei Misshandlungen macht, Verfahrensfragen und Mitteilungspflichten untereinander regelt, Qualifikation von Fachkräften festlegt und eine gemeinsame Auswertung der Fälle von Kindeswohlgefährdung vorsieht, um eine Verbesserung von Risikoabschätzungen und Verfahrensabläufen zu erreichen.
  • Der städtische Fachbereich Jugend und Familie hat im Jahr 2006 VertreterInnen der öffentlichen und freien Jugendhilfe sowie weiterer Kinderschutz-Einrichtungen zu einem Runden Tisch "Kinderschutz in Hannover" eingeladen. Ziel: Aufbau eines präventiven Netzwerks und Entwicklung eines Kooperationsverfahrens.
  • Im Rahmen einer Fach-AG "Kindesschutz" wird an einer verbesserten Kooperation zwischen den beiden Kinderkliniken und dem städtischen Fachbereich Jugend und Familie und dem Fachbereich Jugend der Region Hannover gearbeitet. Ziel: Analyse der Schnittstellen zwischen Medizin und Jugendhilfe, um in Fällen von Kindesmisshandlungen verbindliche Verfahren der Kooperation und der Nachsorge für die betroffenen Kinder zu entwickeln.
  • Im "Netzwerk Kindeswohl" erfolgt eine Zusammenarbeit unter anderem mit Drogenberatungsstellen, Beratungsstellen der Sozialpsychiatrie, dem Deutschen Kinderschutzbund und Familienhebammen. Ziel: Entwicklung neuer Verfahren zur ressort-übergreifenden Beobachtung von Kindern, um im Einzelfall – bei Hinweisen auf mögliche Vernachlässigung, Verwahrlosung oder Misshandlung – schnell und verbindlich reagieren zu können.
  • Die Stadt nimmt am Modellprojekt "Koordinierungszentrum Kinderschutz – frühe Hilfen" teil. In den nächsten drei Jahren sollen Verfahren entwickelt werden, um die Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern rascher zu erkennen, Kinder zu schützen und besser zu betreuen. Dabei geht es auch um neue Ansätze von Prävention, insbesondere in der Arbeit mit den Kinderkliniken und niedergelassenen Medizinern (Allgemeinmedizin und Pädiatrie).

KSD bietet Hilfe für betroffene Familien

Schutz für Kinder und Jugendliche gegen Gewalt muss neben den Möglichkeiten unmittelbarer Intervention und Eingriffen in das Elternrecht auch die Unterstützung von Eltern einschließen, um sie zu befähigen, die Erziehung ihrer Kinder eigenständig wahrzunehmen. Deshalb bietet die Stadt im Kommunalen Sozialdienst (KSD) neben den gesetzlich geregelten Hilfen und Interventionen vielfältige Angebote in Kindertagesstätten, Familienzentren und Familienbildungsstätten an.

So ist in den vergangenen Jahren ein besonderes Augenmerk auf die Förderung der Eltern von Säuglingen und Kleinstkindern gelegt worden. Zu nennen sind hier die beiden Familienhebammenprojekte "Eine Chance für Kinder" und "Pro Kind". Dabei werden junge schwangere Mütter und junge Eltern in der Vorbereitung auf die und nach der Geburt durch Hebammen und sozialpädagogische FamilienhelferInnen unterstützt. Neben der Vermittlung von Wissen über Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinstkindern werden auch schulische und berufliche Perspektiven für junge Mütter und Eltern entwickelt sowie soziale Netzwerke gefördert.

Hintergrundinformation zur Arbeit des KSD

Der Kommunale Sozialdienst (KSD) des Fachbereiches Jugend und Familie übernimmt  den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung, wie er in § 8a Sozialgesetzbuch VIII (SGB VIII) vorgegeben ist.

Dabei gelten in Fällen möglicher Kindesvernachlässigung bzw. Kindesmisshandlung drei Handlungsschritte:

– Wahrnehmen und Erkennen
– Einschätzen und Beurteilen
– Handeln und Intervenieren.

Grundsatz ist, dass jedem Hinweis auf mögliche Kindeswohlgefährdung unverzüglich nachgegangen wird – auch durch nicht angemeldete Hausbesuche in der Familie. Dabei finden eine Einschätzung der Gefährdungssituation sowie eine Dokumentation aller Handlungs-, Entscheidungs- bzw. Interventionsschritte statt.

Durch die Clearingstelle des KSD ist außerhalb der üblichen Öffnungs- und Dienstzeiten "rund um die Uhr", auch an Wochenenden und an Feiertagen, ein Krisendienst erreichbar. So ist eine schnelle Intervention in Krisen möglich, können Inobhutnahmen vermieden und bei Verdacht von Kindeswohlgefährdung die schnelle Herausnahme des Kindes aus der jeweiligen Krisensituation veranlasst werden.

Grundsätze und Handlungsschritte

  • Sobald der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung besteht, sind die MitarbeiterInnen des KSD verpflichtet, eine Bewertung vorzunehmen und in Arbeitshilfen und Dienstanweisungen beschriebene Handlungsschritte zu beachten.
  • Jedem Hinweis auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung wird unverzüglich nachgegangen.
  • Es findet eine sofortige Einschätzung der Gefährdungssituation – ggf. im Rahmen einer kollegialen Beratung – sowie eine Dokumentation aller Handlungs-, Entscheidungs- und Interventionsschritte statt.
  • Es erfolgt nach Einschätzung der Situation ein Hausbesuch (möglichst zu zweit). Ist der Krisenort nicht in unmittelbarer Nähe der Dienststelle, so können die MitarbeiterInnen öffentliche Verkehrsmittel, Taxen oder dienstlich genutzte Privatfahrzeuge nutzen.
  • Bestätigt sich der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung nicht oder sind die Gefährdungsaspekte nicht akut, findet nach dem Hausbesuch eine nochmalige kollegiale Beratung statt, um weitere Handlungsschritte zu planen.
  • Bei Bestätigung einer Gefährdungssituation werden sofort Schritte zum Kindesschutz im Rahmen einer Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII und mit Benachrichtigung des Familiengerichts eingeleitet.
  • In Familien, in denen ein Säugling lebt, werden bei unklaren Verdachtsmomenten (keine akute Gefährdungssituation) wöchentliche Kontakte sichergestellt.
  • In Familien mit Kindern bis zu sechs Jahren, die unter Vormundschaft des Fachbereiches Jugend und Familie stehen, werden wöchentliche Besuchskontakte sichergestellt.
  • Liegt keine akute Gefährdungssituation vor, wird weiter Kontakt zur Familie gehalten und spätestens nach drei Monaten im Rahmen einer kollegialen Beratung die Gefährdungssituation überprüft.
  • Bei Umzug einer Familie nach außerhalb erfolgt immer eine Information des dann zuständigen Jugendamtes.

PM: Presseserver Hannover

Kategorie: Familien

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