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Hannover verbessert Infrastruktur für Familien

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Frühkindliche Förderung zeigt gute Ergebnisse

"Für uns sind Familien und ihre Rahmenbedingungen ganz wesentliche Bausteine einer funktionierenden Stadtgesellschaft. Deshalb haben wir in den letzten Jahren zahlreiche Reihe von Initiativen ergriffen, um die Unterstützung familiärer Strukturen, insbesondere bei der frühkindlichen Förderung, auszubauen." Sozial- und Jugenddezernent Thomas Walter gibt mit dieser Begründung einen Überblick über die Entwicklung drei zentraler Programme zur Förderung von Familien in der Stadt:

Familienzentren: "Kita-Plus" erreicht Eltern

Die Kindergärten erreichen etwa 97 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder der Stadt, wobei auch der Anteil migrantischer Kinder ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Mit dem Rahmenprogramm "Familienzentren", das sich am sogenannten "Early Excellence"-Ansatz ausrichtet, stärkt Hannover seit 2006 die Schlüsselinstitution Kindergarten, um durch zusätzliche familienunterstützende Angebote, die unter Beteiligung der Familien einrichtungsspezifisch entwickelt und umgesetzt werden, Teilhabe und Chancengerechtigkeit zu fördern und familienfreundlichere Strukturen zu entwickeln.

Eltern sind die ersten und wichtigsten Bezugspersonen für ihre Kinder; sie sollen als ExpertInnen für ihre Kinder in deren Bildungsprozesse einbezogen und damit eine bewusste Elternschaft und ein gemeinsames Bildungsverständnis gefördert werden. Der oft strapazierte Gegensatz "Fremdbetreuung" vs. "Familie" soll in ein produktives Miteinander zum Wohle des Kindes verändert werden. Gemeinsam können Eltern und pädagogische Fachkräfte die Bildungstätigkeit des Kindes erkennen und durch zielgerichtete pädagogische Angebote die angelegten Potenziale möglichst vollständig ausschöpfen.

Zum 01.08.2012 wurde deshalb das Programm "Familienzentren" in der mittlerweile siebten Stufe weiter ausgebaut. Insgesamt sind inzwischen 27 Kindertagesstätten aufgenommen und werden mit jeweils 40.000 Euro jährlich für Sach- und Personalkosten gefördert. Hannover wendet für das Haushaltsjahr 2012 insgesamt 1,15 Mio. Euro für die Förderung auf. Alle Standorte der Einrichtungen befinden sich in Stadtteilen mit besonderem Handlungsbedarf und werden von unterschiedlichen Trägern betrieben. Aktuell erreichen die Familienzentren ca. 2.700 Kinder und deren Familien und bieten dabei 250 bedarfsgerechte und verlässliche familienunterstützende Angebote an. Hierzu gehören z. B. Erziehungsberatung, Sprachkurse, Ernährungsberatung, Fahrradfahren lernen, Formularhilfe. Die Auswahl und Konzeptionierung erfolgt unter aktiver Beteiligung der Familien.

Angebote in den Familienzentren

Mit diesem Programm nimmt Hannover aktuell eine bundesweit beachtete Vorreiterrolle bei der Weiterentwicklung von Kitas zu Familienzentren ein. Großstädte wie Stuttgart und Frankfurt legen aktuell Programme zur Einrichtung von Familienzentren auf und orientieren sich an den in Hannover vorliegenden Erfahrungen. Weitere zahlreiche Anfragen zur Trägerberatung "Von der Kita zum Familienzentrum" bestätigen die Richtigkeit dieses Weges zusätzlich. In den Familienzentren fanden in 2011 121 Konsultationsbesuche statt, einige davon auch international.

Neben der verlässlichen finanziellen Förderung durch die Landeshauptstadt Hannover gehören zu den Erfolgsfaktoren des Programms die zielorientierte, abgestimmte gemeinsame Konzeptentwicklung der beteiligten freien Träger und dem Fachbereich Jugend und Familie sowie die auf dem "Early Excellence"-Ansatz basierenden verpflichtenden Qualifizierungsangebote für das Personal in den Familienzentren. Seit 2008 ist ein eigenes Fortbildungsprogramm aufgelegt worden in dem bislang ca. 1.250 pädagogische Fachkräfte in den Schlüsselkonzepten des "Early Excellence"-Ansatzes geschult worden sind. Die "Heinz und Heide Dürr Stiftung" unterstützte den Fortbildungsbereich der Familienzentren seit 2007 mit insgesamt 200.000 Euro.

Die bisherigen Erfahrungen lassen folgende Wirkung der Familienzentren (FZ) als besonders wichtig zusammenfassen:

  • Eltern sind aktiviert, beteiligen sich an der inhaltlichen Kita-Arbeit, führen selbständig Angebote durch,
  • Semiprofessionalität im Umfeld nimmt zu, Eltern arbeiten als Honorarkräfte in FZ,
  • die Bildungschancen von Kindern verbessern sich (höhere Schullaufbahnempfehlungen, bessere Ergebnisse bei Sprachstandserhebungen, Anstieg der Schulfähigkeit),    
  • Familien akzeptieren im Bedarfsfall weiterführende Erziehungsberatung,
  • Elterntrainingsprogramme, wie z.B. Familie und Nachbarschaft (FuN), FamilienErgo werden besser angenommen,
  • Sprachförderung wird als integraler Bestandteil der Kita-Arbeit wahrgenommen: 16 FZ arbeiten im Rucksackprogramm, 6 bei "Griffbereit",
  • Rückgang von Kriseninterventionen,
  • FZ sind ein wichtiger Netzwerkpartner im Sozialraum, Kooperationen haben zugenommen, sind intensiviert worden. Wichtigstes Beispiel: 
  • FZ sind optimaler Andockpunkt für das Programm "Stadtteilmütter": 15 Stadtteilmütter in 13 Einrichtungen,    
  • ebenso: Initiativpunkt für das Programm "GemeinsamWachsen" (8 Standorte, s. u.).  

Im Rahmen der wissenschaftlichen Evaluation der  Familienzentren durch die Hochschule Hannover, kommen die AutorInnen im Abschlussbericht über die Arbeit der FZ in Hannover "Wirkfaktoren von Familienzentren mit Early Excellence Ansatz" zu den Ergebnissen (vgl. D. Dertert, N. Rückert, Hannover 11/2011):

  • Für die Eltern ist es am Wichtigsten, dass sich ihr Kind in der Einrichtung wohl fühlt, und dass das durch qualifizierte ErzieherInnen (85,9 Prozent), andere Kinder (87,3 Prozent) und ein angenehmes Klima im FZ gewährleistet wird,
  • 83,4 Prozent der befragten Eltern sehen ihr Kind mit seinen individuellen Interessen und Bedürfnissen von den ErzieherInnen angemessen wahrgenommen,
  • 70 Prozent der ErzieherInnen sagen, dass sich der Kontakt zu den Eltern erweitert hat, seit die Einrichtung FZ geworden ist und 75 Prozent von ihnen sind der Meinung, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern durch die Einführung des EEC Beobachtungsverfahrens verbessert ist,
  • Eltern sind aktivierter,
  • In FZ finden vermehrt sozialarbeiterische Angebote und Aktivitäten statt und diese werden besser von Eltern angenommen,
  • Nur 10 (1,5 Prozent) von 683 befragten Eltern waren mit der Arbeit der FZ aus verschiedensten Gründen unzufrieden.

Stadtteilmütter: Migrantinnen leisten Integration!

Stadtteilmütter arbeiten seit 2009 in bisher sechs Piloteinrichtungen. Die zunächst acht Stellen sind mit Migrantinnen aus dem Stadtteil besetzt, die als Mittlerinnen zwischen den Bedarfen der Menschen im Stadtteil und den Angeboten der Familienzentren fungieren. Sie werden durch die Volkshochschule qualifiziert. Durch ihre kombinierten Rollen als Mitarbeiterin im Familienzentrum, Bewohnerin des Stadtteils, z.T. Mutter in der Kita und Migrantin, erreichen Stadtteilmütter Familien, die sonst nicht bzw. nur schwer zu erreichen sind.

Beispiele der vielfältigen Aufgaben, die Stadtteilmütter erfüllen sind: Hilfen beim Ausfüllen von Formularen, Dolmetscherdienste, Mitarbeit im Elterncafé, Werbung für die Angebote im Familienzentrum, Hilfen beim Aufsuchen von z. B. Job Center, Beratungsstellen, Schuleingangsuntersuchungen, Schulelternabenden oder Gesundheitsvorsorge. Sie ergänzen und entlasten damit die Arbeit der Familienzentren und erarbeiten Integration. Die Kooperation mit Integrationslotsen und Integrationsbeiräten findet in Fragen, z. B. zur Einbürgerung, statt. Beratungsangebote wie Erziehungsberatung finden durch das Wirken der Stadtteilmütter größere zusätzliche Akzeptanz bei Eltern. Zusätzliche offene Angebote in Kooperation mit Erziehungsberatungsstellen sind in den Familienzentren entstanden. Eltern nutzen die Möglichkeit, Fragen zur Erziehung zu klären. Individuelle Beratungsgespräche werden verstärkt.

Durch das Wirken der Stadtteilmütter hat sich der bereits durch die Familienzentren begonnene Prozess der Aktivierung von Familien fortgesetzt. Sinnvolle Freizeitgestaltung mit Kindern statt – z. B. gemeinsame Ausflüge statt Medienkonsum – sind innerhalb des Angebotes der Familienzentren zu Erfahrungen gerade von Familien mit Migrationshintergrund geworden, die jetzt auch selbstständig fortgesetzt werden. Nachbarschaftshilfe, z.B. bei der Kinderbetreuung, Kontakte knüpfen, das Partizipieren an Erfahrungen im Umgang mit Behörden und Institutionen, der Umgang und die Bewältigung von Konflikten sind weitere positive Effekte.

Wegen des Erfolges aus der Pilotphase hat sich die Stadt entschieden, das Programm in zwei Ausbaustufen 2012 und 2014 um insgesamt 16 weitere Stadtteilmütter auf dann 24 zu erweitern.

"GemeinsamWachsen"-Gruppen: niedrigere Schwelle – höhere Chancen!

"GemeinsamWachsen"-Gruppen für Eltern und deren Kinder im Alter von zwischen null und drei Jahren werden seit September 2011 ebenfalls in Familienzentren angeboten. Die Verwaltung setzt damit einen Ratsauftrag um, damit in Familienzentren ein spezifisches Angebot für Eltern mit Kleinstkindern aufgebaut wird.

Mit diesem Angebot sollen insbesondere auch Eltern mit Migrationshintergrund angesprochen werden, außerdem generell Eltern, die über Einrichtungen sonst schwierig zu erreichen sind und die ihre Kinder aus verschiedenen Gründen nicht in eine Krippen-Betreuung geben möchten.

Der Besuch der Gruppen ist grundsätzlich offen für alle Eltern und deren Kinder, die noch nicht in der Kita betreut werden. Das Angebot gibt es in den Stadtteilen Oberricklingen, Linden-Süd, Linden-Nord, Nordstadt, Stöcken, Sahlkamp, Kronsberg sowie Mittelfeld und findet einmal wöchentlich für 90 Minuten statt. Die Teilnahme ist kostenlos.

Die Stadt geht dabei neue Wege, in dem diese Gruppen gemeinsam von pädagogischen Fachkräften aus dem Familienzentrum und ErziehungsberaterInnen der städtischen Jugend- und Erziehungsberatung begleitet werden. Eltern können in diesen Gruppen Kontakt zu anderen Eltern knüpfen, Erziehungsunsicherheiten besprechen und die Bildungsentwicklung ihrer Kinder beobachten und begleiten. Kinder können in der Gegenwart ihrer wichtigsten Bezugspersonen forschen, spielen und Freundschaften schließen. Die Stadt fördert die Gruppen insgesamt mit 100.000 Euro jährlich. Die Heinz und Heide Dürr Stiftung hat zusätzlich 30.000 Euro als Anschubfinanzierung gespendet.

Erste Ergebnisse der begleitenden Evaluation bestätigen, dass dieses Angebot die damit verknüpften Ziele erreicht und den Bedarf der Eltern trifft: ca. 40 Prozent der teilnehmenden Eltern haben einen Migrationshintergrund, in einigen Standorten bis zu 95 Prozent. 82 Prozent der Eltern sagen aus, dass sich ihre Erwartungen an das Angebot mit dem Besuch der Treffen erfüllen, was außerdem durch die hohe Zahl der regelmäßigen Teilnahme belegt wird. Eltern schätzen besonders, dass ihre "Kinder unter Kinder" kommen und sie als Eltern dabei begleiten können. Geschätzt wird außerdem die Möglichkeit der Erziehungsberatung während des Angebots. Insgesamt wünschen sich Eltern eine Ausweitung des Programms "GemeinsamWachsen".

Dass solche Angebote den Bedarf von Eltern treffen, zeigt auch das Ergebnis der  Auftaktveranstaltung im Rahmen der Familienkonferenzen am 17.04.2012 "Auf kleinen Füßen in die Welt". Die teilnehmenden Eltern wünschten sich eine größere Flexibilität von Angebotsstrukturen (bedarfsgerecht, offene Angebote, alternative Angebote zu Betreuungsformen wie Krippen, d.h. Elterntreffs, Elterncafés, Eltern-Kind-Gruppen).

Fazit: Frühe Investition in Familie wirkt!

Die Wirkungen einer verstärkten frühkindlichen Förderung lassen sich nicht eindimensional indizieren. Allerdings sollen die informellen Förderungsprozesse von Familien und Kindern selbstverständlich auch Auswirkungen im formalen Bildungssystem haben. Auch nach vergleichsweise kurzen Zeiträumen lassen sich hier Effekte nachweisen. Insbesondere die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen in den letzten Jahren haben sich im gesamten Stadtgebiet positiv entwickelt:

  • bei den schulpflichtigen Kindern ist der Anteil der Einschulungsempfehlung um 2,5 Prozentpunkte aller schulpflichtigen Kindern auf 85,1 Prozent für das Schuljahr 2011/12 gestiegen,
  • bei den "Kann-Kindern" ist der Anteil sogar um 11,1 Prozentpunkte auf 67,1 Prozent im selben Zeitraum gestiegen,
  • im Gegensatz dazu ist die Empfehlung für Kinder in eine sonderpädagogische Einrichtung um 7,0 Prozentpunkte gesunken (Vorabauszug "Bildungsmonitoring 10/2012").

Nach Rückmeldung aus den Familienzentren ist festzustellen, dass es in den letzten beiden Schuljahren deutlich weniger Empfehlungen für die "Hauptschule" gibt. Insgesamt stellt sich dieser Trend stadtweit folgendermaßen dar:

  • Der Anteil der Hauptschulempfehlungen in Klasse 4 ist in den letzten drei Schuljahren 2010/11 um 14 Prozentpunkte gesunken.

Dies spricht für eine erfolgreiche Bildungsarbeit im frühkindlichen Bereich und effektiver gestaltete Übergänge von der Kindertagesstätte zur Schule.

Der Anteil der Kinder unter drei Jahren an der institutionellen Betreuung (Krippen) von Kindern mit Migrationshintergrund ist von 9,9 Prozent in 2008 auf immerhin 15,7 Prozent in 2011 gestiegen.

Mit der hohen Inanspruchnahme der bereits beschriebenen "offenen" Angebote will die Stadt Hannover den Anteil migrantischer Kinder in der U3-Betreuung weiter ausbauen und damit zur Verbesserung der Bildungsteilhabe beitragen.

Kategorie: Familien

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